So 10. Aug 2008, 10:38
Hallo!
Hier ist jetzt mal der Artikel+Interview von Wir Sind Helden...
Als Anhang krieg ich das hier irgendwie nicht ran,ich kopier's mal hier unten hin

Flora
*Wir Sind Helden*
Es ist ein milder, verträumter Sommernachmittag. Ich hocke auf einer Bank im Backstage-Bereich der Kindl-Bühne in der Berliner Wuhlheide. Von der Bühne her dröhnen letzte Klänge des Soundchecks; der Boden vibriert. Aufgeregt rutsche ich auf der Bank hin und her. Grund dafür, dass dies der wohl bedeutendste „historische“ Tag meines gesamten bisherigen Lebens ist, sind vier Namen: Judith Holofernes, Jean M. Tourette, Mark Tavassol und Pola Roy. Zusammen ergeben sie die Kreuzberger Band Wir Sind Helden. Kennengelernt haben sich drei Viertel der Band bei einem Pop-Seminar; Bassist Mark kam wenig später dazu. Ihre erste Single „Guten Tag“ fand 2002 auch ohne Plattenvertrag schon bald ihren Platz in den deutschen Charts.
Die Songtexte der Helden nisten sich dank des unverwechselbaren Stils von Sängerin Judith schnell in aller Köpfe ein: Geschickt und charmant spinnt sie aus einfachen unbekannten sprachlichen Bildern neue Ebenen innerhalb der einzelnen Songs und erschafft somit eine Zweideutigkeit, die so manches ihrer Lieder zu scheinbar unlösbaren Rätseln werden lässt. Gerade diese Texte sind es, die Wir Sind Helden für viele ihrer Fans vorrangig ausmachen, sind deutsche Songtexte heutzutage ja eher selten.
Wir Sind Helden haben bisher drei Alben herausgebracht: „Die Reklamation“, „Von Hier An Blind“ und „Soundso“. Für Fans, Kritiker usw. stellen sich einem da mit der Zeit so manche Fragen – und ich habe heute endlich die Gelegenheit, mir auch ein paar Antworten abzuholen. Denn da kommt die Band auch schon von der Bühne runter um vor dem Konzert Interviews zu geben. Und mit zwei der Helden haben ich heute einen Termin: Pola, Schlagzeuger der Band und Ehemann von Judith, und Jean, Gitarrist und Keyboarder. Total freundlich antworten sie mir auf meine Fragen und machen zwischendurch ständig Witze. Sie erzählen davon, dass es eine Anlaufzeit von zwei Jahren brauchte, um entdeckt zu werden; wie rasant es dann bergauf ging und warum Kritik manchmal ein nerviges Problem bei ihrem Beruf darstellt: „Eigentlich ist man als Mensch nicht dafür gemacht, andauernd alles gespiegelt zu bekommen!“ Doch man merkt, dass sie die Musik wahnsinnig gern machen. Die „Glücksgefühle“ die der Job mit sich bringt kamen vor drei Jahren am meisten zur Geltung: Ihr schönstes Konzert hätten sie 2005 in der Wuhlheide gehabt – „Das war wie im Drogenrausch. Wir nehmen alle keine Drogen, aber so stell ich mir das vor“, erklärt Pola. Und Jean sagt, es wäre damals wie im Film gewesen und er hätte in einer Art Trance geschwebt. Sowieso sind Konzerte in den Heimstädten immer etwas Besonderes: Man ist doppelt angespannt, weil man zu Hause ein tolles Konzert abliefern will und dann warten auch noch sämtliche Freunde und Verwandte im Backstage-Bereich, wenn das Konzert zu Ende ist, die mit einem reden wollen. Man würde kaum dazu kommen, mal einen vernünftigen Smalltalk zu machen. „Ich pick mir da mittlerweile immer nur eine Gruppe raus. Nur dann kann der Abend eine Qualität haben“, erklärt Jean.
Nun, da kann man nur hoffen, dass diese Helden nie vergessen gehen – so sympathisch wie die sind!
Schlagader: Wie seid ihr auf euren Bandnamen gekommen?
Jean: Relativ unspektakulär. Wie jede Band haben wir irgendwann einen Namen gesucht und hatten einige, zwischen denen wir uns nicht entscheiden konnten. Wir hatten sogar mal ein Konzert, auf dem wir Zettel mit verschiedenen Namensvorschlägen wie „Limbo Service“, „Tieftaucher“ oder „Hobby Okay“ ausgegeben haben. Aber dabei ist nichts herausgekommen. Ein paar Wochen später liefen wir fünf Uhr morgens durch Kreuzberg. Da hat einer von uns das Wort HELDEN einfach so gesagt. Und wenn es einen magischen Moment gab, dann war er das, denn nun hatten wir zum ersten Mal ein Wort, nach dem wir immer gesucht hatten. Es gab aber schon eine Band, die „Helden“ hieß, weshalb wir uns nicht so nennen durften. Aber irgendwann hatten wir einen T-Shirt-Spruch, vorne GUTEN TAG, hinten WIR SIND HELDEN. Und da dachten wir: Toll! Das ist unser Bandname!
Schlagader: Hattet oder habt ihr Vorbilder? Bestimmte Bands?
Jean: Die Zeit der großen Vorbilder ist bei uns vorbei, die hat man mit 15, 16, wo man Leute vergöttert. In unserem Fall nicht nach Aussehen, sondern nach musikalischem Können. Das war bei mir mal Eddie Van Halen. Davon hab ich mich im Laufe der Jahre gelöst, aber das wäre für mich ein persönliches Vorbild. Aber es gibt jetzt auch viele Bands, die uns inspirieren. Am Anfang waren das Bands wie Women, Police oder The Cure. Jetzt können wir uns ganz gut auf die Killers einigen.
Schlagader: War es für euch anders, Lieder zu machen, als ihr schon bekannt wart?
Pola: Der Erfolg hat uns als Band glücklicherweise beeinflusst, allerdings nicht in diesem Aspekt. Wir haben von Anfang an immer viele Songs geschrieben und hatten immer mehr Songs, als genug. Es kam immer sehr viel aus uns raus, das hat sich nie geändert. Es hätte ja auch sein können, dass man plötzlich eine Blockade hat und einem überhaupt nichts mehr einfällt. Grade bei Judith war da die Gefahr, weil alle auf die Texte gewartet haben, inklusive der Band. Judith hat aber einfach weiter geschrieben, wir haben weiter Ideen gesammelt und haben uns dadurch nicht von dem Erfolg beeinflussen lassen.
Jean: Wir haben auch immer noch 4/5 alte Songs, die für uns potenziell noch da sind und auch das Recht hätten, mal auf eine Platte zu wandern. Aber die alten Songs haben meistens einen schweren Stand, weil in den neuen Songs eine ganz frische Energie steckt. Man kann das auch schlecht beurteilen, natürlich findet man die neue Idee immer erstmal cooler, als das, was schon so lange liegt. Aber objektiv gesehen ist der alte Song manchmal viel stärker.
Schlagader: Pola, du und Judith, ihr habt ja jetzt einen Sohn. Hat das in der Band noch mal was verändert? Auf die Musik bezogen?
Pola: Das hat viel verändert, allerdings am wenigsten auf die Musik bezogen. Im Bandbus gibt es jetzt ein Eltern-Kind-Abteil: ein Doppel- und ein Kinderbett. Wir mussten auch alle Arbeitsprozesse anders strukturieren. Wir sind jetzt als Band ein bisschen effektiver geworden, weil uns bewusster ist, dass wir mit der Zeit, die wir zu Verfügung haben, besser umgehen müssen. Und man schläft natürlich wenig, weshalb wir dann nur eine gewisse Energie zur Verfügung hatten.
Jean: Ich glaube auch, dass viele jetzt elternglückliche Texte erwartet haben. Da hatte Judith auch eine diebische Freude dran, dass sie während ihrer Schwangerschaft kaum Inspirationen hatte, darüber etwas zu schreiben. Sie hat jetzt ihre deutlichsten und direktesten Texte geschrieben.
Schlagader: Als bei der letzten Bundestagswahl sämtliche Parteien euren Song „Gekommen Um Zu Bleiben“ als ihren Slogan verwendet haben, wie fandet ihr das?
Pola: Ja, das haben viele Parteien gemacht. Und wenn die FDP ankommt und „Gekommen Um Zu Bleiben“ verwendet, freut uns das natürlich nicht. Man kann aber nicht wirklich was dagegen machen.
Jean: Das gefällt uns grundsätzlich bei gar keiner Partei, weil wir dieses parteipolitische Vor-den-Karren-spannen nicht mögen. Und wenn die Musik logischerweise ungefragt verwendet wird, dann können das auch DIE GRÜNEN sein, denen wir natürlich näher sind, als der FDP.
Pola: Es gab sogar mal eine Nazidemo, bei der unsere Musik verwendet wurde. Die haben in dem Fall „Denkmal“ zitiert. Da haben wir uns natürlich sehr geärgert und haben lange überlegt, was wir machen sollen. Wir haben dann beschlossen, nicht dagegen vorzugehen, weil das denen genau in die Hände gespielt hätte, da sie dadurch Presse bekommen hätten. Aber es ist immer schwierig, wenn sich Leute ungefragt die Songs aneignen. Das freut einen natürlich nicht.
Schlagader: Wie geht ihr mit Kritik um?
Pola: Dass man so viel Featback bekommt, ist echt schwierig. Das ist so, wie wenn man zum Busfahrer geht, eine Karte kaufen will und der Busfahrer sagt einem dann: „Übrigens, ich finde, du hast eine Scheißfrisur und außerdem mag ich dich auch nicht und du stinkst!“ Und dann gehst du zum Bäcker und der sagt dir dann: „Scheißjacke hast du da!“ Ungefähr so fühlt sich das an. Man gibt sich große Mühe und zeigt in der Musik und in den Texten Seiten von sich, die einem sehr wichtig sind. Und dann wird das bewertet. Vor allem bei der dritten Platte hatten wir das Gefühl, dass es vielen nicht darum ging, objektiv etwas zu bewerten, sondern sich selber darüber zu definieren, wie man irgendetwas Scheiße findet. Also: „Ich finde Wir Sind Helden Scheiße, weil...“, dann kommt was total Geistreiches und der denkt: Ja, ich bin ein cooler Typ, weil ich die so geistreich Scheiße finden kann! Da ärgert man sich einfach und fragt sich: Geht das hier um uns oder um dich, weil du erkannt hast, warum Wir Sind Helden eigentlich Lügner sind und Schweine im Allgemeinen.
Jean: Wir sind aber eigentlich nicht die Leute, die sich bei schlechter Kritik aufregen. Es ist nur doof, wenn Interviews schlecht oder verdrehend rüberkommen. Man hat dann natürlich nicht die Chance, einen Gegenentwurf zu bringen. Wenn man uns vorwirft: „Die gelangweilten Helden“ oder „Sie haben sich Soundso verhalten“, dann kann man nicht sagen, dass der Journalist unfreundlich war oder so. Man kann in dem Moment nur etwas sagen und dabei möglichst ehrlich sein.